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        Monatsgedichte


-     für jeden Monat ein bis drei Gedichte:
  
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-     Verzeichnis der benutzten Gedichte in
     alphabetischer Reihenfolge:


                                                           Bitte klicken Sie:

                                               Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit
                                               Gottfried Benn: Astern
                                               Gottfried Benn: Einst
                                               Gottfried Benn: Für Klabund
                                               Gottfried Benn: Trunkene Flut
                                               Bertold Brecht: Rudern, Gespräche
                                               Bertold Brecht: Vom Schwimmen in Flüssen und Seen
                                               Barthold Hinrich Brockes: Die Welt ist allezeit schön
                                               Geoffrey Chaucer: Prologue to the Canterbury Tales
                                                           Matthias Claudius: Der Winter
                                               Joseph von Eichendorff: Mondnacht
                                               Adalbert von Chamisso: Das Riesenspielzeug
                                               Ferdinand Freiligrath: In Graubünden
                                               Ferdinand Freiligrath: Die Auswanderer
                                               Stefan George: Komm in den totgesagten Park und schau
                                               Johann Wolfgang von Goethe: Harzreise im Winter
                                               Johann Wolfgang von Goethe: Sommernacht
                                                                            (aus West-östlicher Diwan)
                                               Johann Wolfgang von Goethe: Wanderlied
                                               Heinrich Heine: Im wunderschönen Monat Mai 
                                               Andrew Marvell: Lebenslauf und Gedicht "To his Coy Mistress"
                                               Andrew Marvell: Strophe VI aus "The Garden"
                                               Andrew Marvell: The Garden (alle Strophen)
                                               Eduard Mörike: Gesang Weylas
                                               Pablo Neruda: Vinieron unos Argentinos
                                               Alexander Pope: The Voyage on the Thames
                                                                            (aus: "The Rape of the Lock")

                                               Ezra Pound: In a Station of the Metro                   
                                               Rainer Maria Rilke: Nur wer die Leier schon hob
                                                                            (aus: Die Sonette an Orpheus: IX. Sonett)
                                               Rainer Maria Rilke: Herbsttag
                                               Guiseppe Ungaretti: Mattina
                                               François Villon: Der Anfang von "Le Lais"
                                               Christoph Martin Wieland: Ein bürgerliches Schicksalslied
                                               William Wordsworth: The Inward Eye
                                               William Butler Yeats: The Lake Isle of Innisfree


-   Bei fremdsprachigen Gedichten ist auch
    eine deutsche Übersetzung aufgeführt!
   
Eine Nachdichtung war nicht beabsichtigt! Es wurde vielmehr bewußt
     möglichst wörtlich, dicht am Originaltext übersetzt. Das erleichtert die
     Nachvollziehbarkeit der Übersetzung und das Verständnis der Texte.

     Die fremdsprachigen Gedichte richten sich daher nur an Leser, welche
     die Sprache einigermaßen
kennen und sich am Klang des fremdsprachigen
     Originaltextes erfreuen können.
             

                                                   

                                                         



        Januar


    Matthias Claudius

         Der Winter
-  Ein Lied hinterm Ofen zu singen  -


Der Winter ist ein rechter Mann
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an;
er scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund wie er?
Er krankt und kränkelt nimmer;
er trotzt der Kälte gleich dem Bär
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und läßt's vorher nicht wärmen;
er spottet über Fluß im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
haßt warmen Trank und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn’s Holz im Ofen knittert,
und an dem Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich’ und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er tot sich lachen.

Sein Schloß von Eis liegt weit hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen,
und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihm nach und frieren.




                          Pieter Bruegel der Ältere: Auf dem Eis (1565)



                

                                      Februar

       Gottfried Benn

                                  Für Klabund

Nehmen Sie jene erste                   
tauende Nacht im Jahr
und die strömenden blauen
Streifen des Februar, 

nehmen Sie jene Verse,
Reime, Strophen, Gedicht,
die unsere Jugend erhellten
und man vergaß sie dann nicht,

nehmen Sie von den Wesen,
die man liebte und so,
jenen Hauch des Verlöschens
und dann salut und Chapeau  

ach, diese spärlichen vollen
Schläge des Herzens und
über uns fallen die Schollen   -
leben Sie wohl, Klabund!                                                            


                                        

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                                                  Pieter Bruegel der Ältere: Die Türme und Tore von Amsterdam (1562)                                       





                                                                        March    


                               William Wordsworth

                                 The Inward Eye                           Das inwendige Auge

I wandered lonely as a cloud,                     Ich wanderte einsam wie eine Wolke,
That floats on high o’er vales and hills,        Die in der Höhe treibt über Täler und Hügel,
When all at once I saw a crowd,                Als ich auf einmal eine Menge sah,
A host of golden daffodils:                          Eine Masse von goldenen Narzissen:

Beside the lake, beneath the trees,              Neben dem See, unter den Bäumen,
Fluttering and dancing in the breeze.            Flatternd und tanzend in der Brise.
Continuous as the stars that shine                Aufgereiht wie die Sterne, die scheinen
And twinkle on the milky way,                    Und glitzern  in der Milchstraße,

They stretched in never-ending line              Erstreckten sie sich in unendlicher Reihe
Along the margin of a bay.                          Entlang des Randes einer Bucht.
Ten thousand saw I at a glance,                  Zehntausend sah ich mit einem Blick,
Tossing their heads in sprightly dance.         Schüttelnd ihre Blüten in munterem Tanz.

The waves beside them danced; but they     Die Wellen daneben tanzten; aber sie
Outdid the sparkling waves in glee.             Übertrafen die glänzenden Wellen im Glanz.
A poet could not but be gay                        Ein Dichter konnte nicht anders als froh sein
In such a jocund company.                          In so einer fröhlichen Gesellschaft.

I gazed and gazed, but little thought             Ich schaute und schaute, aber bedachte wenig
What wealth the show to me had brougth.   Welchen Reichtum der Anblick mir gebracht hatte.
For oft, when on my couch I lie                   Denn oft, wenn ich auf meiner Couch liege
In vacant or in pensive mood,                      In müßiger oder gedankenvoller Stimmung,

They flash upon that inward eye                   Leuchten sie auf vor dem inwendigen Auge,
Which is the bliss of solitude;                       Welches die Wonne des Alleinseins ist;
And then my heart with pleasure fills,            Und dann füllt sich mein Herz mit Freude
And dances with the daffodils.                      Und tanzt mit den Narzissen.

                                                                   (Übersetzung  vom Herausgeber dieser Internetseite)



                        
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                                           Joos de Momper: Frühling



Adalbert von Chamisso (1831)

Das Riesenspielzeug

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,
die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
und stieg hinab den Abhang bis in das Thal hinein,
neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.

Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

"Ei! artig Spielding!" ruft sie, "das nehm' ich mit nach Haus!"
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
und feget mit den Händen, was sich da alles regt,
zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt,

und eilt mit freud'gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,
zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
“Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höh'n."

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
“Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei."

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
so klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
“Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,
der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn?

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;
es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
und fragst Du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.



                                                                                                               

                                                                    April    

                                                         Geoffrey Chaucer
                                                         (ca. 1340 - 1400)

          The Prologue                                                         Der Prolog

Here biginneth the Book                                           Hier beginnt das Buch
of the Tales of Caunterbury                                      der Canterbury-Erzählungen


Whan that Aprille with his shoures sote               Wenn der April mit seinen süssen Schauern
The droghte of  Marche hath perced to the rote,  Die Dürre des Märzes hat durchdrungen bis zur Wurzel,
And bathed every veyne in swich licour,              Und jede Ader mit seinem Saft getränkt,
Of which vertu engendred is the flour;                 Von dessen Kraft hervorgerufen wird die Blume;
Whan Zephirus eek with his swete breeth            Wenn Zephir auch mit seinem süssen Atem
Inspired hath in every holt and heeth                    Belebet hat in jedem Hain und Heide
The tendre croppes, and the yonge sonne            Die zarten Triebe, und die junge Sonne
Hath in the Ram his halfe cours y-ronne,              Hat im Widdermonat die halbe Strecke durchronnen,
And smale fowles maken melodye,                      Und kleine Vögel machen Melodien,
That slepen al the night with open y
ë,                   Die schliefen die ganze Nacht offenen Auges,
(So priketh hem nature in hir corages):                (So prickt sie die Natur in ihren Herzen):
Than longen folk to goon on pilgrimages              Dann verlangt es die Leute zu gehn auf Pilgerfahrten
.......                                                                   .......                 

                                                                            (Übersetzung vom Herausgeber dieser Internetseite)





                                             

                               Pieter Bruegel der Ältere: Ansicht von Neapel (1558)



                                                       Guiseppe Ungaretti

                                   Mattina                                        Morgen

                           M’illumino                                           Ich erleuchte mich
                           D’immenso.                                        durch das Unermessliche. *

                                  (Übersetzung vom Herausgeber dieser Internetseite)       

                               *  Ungaretti wird die unermessliche Weite des morgendlichen
                                   Himmels am Meer gemeint haben.

 

 

Christoph Martin Wieland      
   

                   Ein bürgerliches Schicksalslied

Der Pflicht vergessen
Wir Fische nie;
Haben viel Müh
Und karg zu essen,
Baun spät und früh
Uns luftge Schlösser,
Hätten’s gern besser
Statt immer schlimmer
Und raten immer
Und treffen’s nie.


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                        Jan Vermeer van Delft: Küchenmagd (1658)




                                           Mai

                                     William Butler Yeats

The Lake Isle of Innisfree            Die Seeinsel von Innisfree


I will arise and go now,                           Ich werde aufstehen und jetzt gehen,
and go to Innisfree,                                 und gehen nach Innisfree,
and a small cabin build there                    und eine kleine Hütte dort bauen
of clay and wattles made;                        von Lehm und Flechtwerk gemacht;
nine bean rows will I have there,              neun Reihen Bohnen werde ich dort haben,  
a hive for the honey bee,                         einen Korb für die Honigbiene,
and live alone in the bee-loud glade.        und allein leben auf der bienendurchsummten Lichtung.

And I shall have some peace there,          Und ich werde dort etwas Frieden haben
for peace comes dropping slow,              denn Frieden kommt langsam getropft,
dropping from the veils of the morning     getropft von den Schleiern des Morgens
to where the cricket sings;                        bis wenn die Grille singt;
there midnight’s all a glimmer,                  dort ist Mitternacht ständig ein Schimmer,
and moon a purple glow,                          und Mond ein purpurner Glanz
and evening full of the linnet’s wing.          und der Abend voll von Hänflings Flügelschlagen.

I will arise and go now                             Ich werde aufstehen und jetzt gehen
for always night and day                           denn ständig Tag und Nacht
I hear lake-water lapping                          höre ich Seewasser schlagen
with low sounds by the shore;                   mit leisen Tönen an den Strand;
while I stand on the roadway or                während ich auf dem Fahrdamm stehe oder
on the pavements grey,                             auf den grauen Pflasterungen,
I hear it in the deep heart’s core.               höre ich es im tiefsten Herzen.

                    (Übersetzung vom Herausgeber dieser Internetseite)




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                                                                  Nicolas Poussin (1594-1665): Arkadien


                                                   Alexander Pope (1688 - 1744)

   From "The Rape of the Lock"  (1712)                                    Aus "Der Raub der Locke"
                  Canto II :                                                                        2. Gesang :
                                                                     
The Voyage on the Thames                                   Die Schiffsfahrt auf der Themse                                      


Not with more glories, in the ethereal plain,                       Mit keiner größeren Pracht, im Himmelszelt,
The sun first rises o'er the purpled main                             Geht die Sonne auf  über der purpurgefärbten See
Than, issuing forth, the rival of his beams                           Als, die wetteifernden Strahlen von ihr hervorrufen,
Launched on the bosom of the silver Thames.                   die zurückgeworfen werden vom Busen der silbrigen Themse.

Fair nymphs and well-dressed youths around her shone,   Schöne Nymphen und gutgekleidete Jünglinge glänzten um sie herum,
But every eye was fixed on her alone.                              Aber alle Blicke waren allein auf sie gerichtet.
On her white breast a sparkling cross she wore,               Auf ihrer weißen Brust ein glänzendes Kreuz sie trug,
Which Jews might kiss, and Infidels adore.                       Das Juden möglicherweise küssen würden und Heiden anbeten.
Her lively looks a sprightly mind disclose,                         Ihre lebhaften Blicke einen munteren Geist verraten,
Quick as her eyes, and as unfixed as those:                      Schnell wie ihre Augen und genauso ungezwungen:
Favours to none, to all she smiles extends;                       Gunst niemandem, allen schenkt sie ein Lächeln;
Oft she rejects, but never once offends.                           Oft weist sie ab, aber nicht einmal kränkt sie.
Bright as the sun, her eyes the gazers strike,                     Leuchtend wie die Sonne, ihre Blicke die Gaffer treffen,
And, like the sun, they shine on all alike,                          Und, wie die Sonne, strahlen sie alle gleich an,       
Yet graceful ease, and sweetness void of pride                Doch anmutige Natürlichkeit, und Liebenswürdigkeit frei von Stolz
Might hide her faults, if Belles had faults to hide.              Könnten ihre Charakterfehler verbergen, falls Schöne Fehler zu verbergen hätten.
If to her share some female errors fall,                             Falls sie einiger weiblicher Fehler teilhaftig wäre,
Look on her face, and you'll forget 'em all.                      Sieh ihr ins Gesicht, und du vergißt sie alle.


        (Übersetzung vom Herausgeber dieser Internetseite)   


                                    Heinrich Heine

                   Im wunderschönen Monat Mai 

                         Im wunderschönen Monat Mai,
                         Als alle Knospen sprangen,
                         Da ist in meinem Herzen
                         Die Liebe aufgegangen.

                                                                Im wunderschönen Monat Mai,
                                                                Als alle Vögel sangen,
                                                                Da hab ich ihr gestanden
                                                                Mein Sehnen und Verlangen.


                                  Gottfried Benn
                                (1886 - 1956)

                                Trunkene Flut

                    
Trunkene Flut,
                          trance- und traumgefleckt,
                          o Absolut,
                          das meine Stirne deckt,
                          um das ich ringe,
                          aus dem der Preis
                          der tiefen Dinge,
                          die die Seele weiß.

                          Im Sternenfieber,
                          das nie ein Auge maß,
                          Nächte, Lieber,
                          das man des Tods vergaß,
                          im Zeiten-Einen,
                          im Schöpfungsschrei
                          kommt das Vereinen,
                          nimmt hin  -  vorbei.

                          Dann du alleine,
                          nach großer Nacht,
                          Korn und Weine
                          dargebracht,
                          die Wälder nieder,
                          die Hörner leer,
                          zu Gräbern wieder
                          steigt Demeter,

                          dir noch im Rücken,
                          im Knochenbau,
                          dann ein Entzücken,
                          ein Golf aus Blau,
                          von Tränen alt,
                          aus Not und Gebrest
                          eine Schöpfergestalt,
                          die uns leben läßt,

                          die viel gelitten,
                          die vieles sah,
                          immer in Schritten
                          dem Ufer nah
                          der trunkenen Flut,
                          die die Seele deckt

                          groß wie der Fingerhut
                          sommers die Berge fleckt.   (< klicken)
                         
                                     (ca. 1920)
                                    


              Juni

                                          Joseph von Eichendorff

                                Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.



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                                                            Aert van der Neer: Flußlandschaft im Mondlicht (1645)                   
                                                    


                                          Johann Wolfgang von Goethe

                                          Aus: West-östlicher Diwan

                                                  Sommernacht

                    Dichter:          Niedergangen ist die Sonne,
                                         Doch im Westen glänzt es immer;
                                         Wissen möcht' ich wohl, wie lange
                                         Dauert noch der goldne Schimmer?

                  Schenke:          Willst du, Herr, so will ich bleiben,
                                         Warten außer diesen Zelten;
                                         Ist die Nacht des Schimmers Herrin,
                                         Komm' ich gleich, es dir zu melden.

                                         Denn ich weiß, du liebst, das Droben,
                                         Das Unendliche zu schauen,
                                         Wenn sie sich einander loben,
                                         Jene Feuer in dem Blauen.

                                         Und das hellste will nur sagen:
                                         "Jetzo glänz' ich meiner Stelle;
                                         Wollte Gott euch mehr betagen,
                                         Glänztet ihr wie ich so helle."

                                         Denn vor Gott ist alles herrlich,
                                         Eben weil er ist der Beste;
                                         Und so schläft nun aller Vogel
                                         In dem groß- und kleinen Neste.

                                         Einer sitzt auch wohl gestängelt
                                         Auf den Ästen der Zypresse,
                                         Wo der laue Wind ihn gängelt,
                                         Bis zu Taues luft'ger Nässe.

                                         Solches hast du mich gelehret,
                                         Oder etwas auch dergleichen,
                                         Was ich je dir abgehöret,
                                         Wird dem Herzen nicht entweichen.

                                         Eule will ich deinetwegen
                                         Kauzen hier auf der Terrasse,
                                         Bis ich erst des Nordgestirnes
                                         Zwillingswendung wohl erpasse.

                                         Und da wird es Mitternacht sein,
                                         Wo du oft zu früh ermunterst,
                                         Und dann wird es eine Pracht sein,
                                         Wenn das All mit mir bewunderst.

      
                  Dichter:           Zwar in diesem Duft und Garten
                                        Tönet Bulbul * ganze Nächte;
                                        Doch du könntest lange warten,
                                        Bis die Nacht so viel vermöchte.
                                      
                                        Denn in dieser Zeit der Flora,
                                        Wie das Griechenvolk sie nennet,
                                        Die Strohwitwe, die Aurora, **
                                        Ist in Hesperus *** entbrennet.

                                        Sieh dich um, sie kommt! wie schnelle!
                                        Über Blumenfelds Gelänge!  -
                                        Hüben hell und drüben helle,
                                        Ja, die Nacht kommt ins Gedränge.

                                            * die Nachtigall (persisch)                    
                                          ** Göttin der Morgenröte
                                        *** Gott der Abendröte




                                         Rainer Maria Rilke

Aus: Die Sonette an Orpheus

            IX. Sonett
     

Nur wer die Leier schon hob

auch unter Schatten
darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.
Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.
Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.



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                                                   Adam Pynacker: Schiffer am Seeufer  (1660)



                                      Johann Wolfgang von Goethe

                                         Wanderlied

                                        Von dem Berge zu den Hügeln,
                                Niederab das Tal entlang,
                                Da erklingt es wie von Flügeln,
                                Da bewegt sich's wie Gesang;
                                Und dem unbedingtem Triebe
                                Folget Freude, folget Rat;
                                Und dein Streben, sei's in Liebe
                                Und dein Leben sei die Tat!

                                Denn die Bande sind zerrissen,
                                Das Vertrauen ist verletzt;
                                Kann ich sagen, kann ich wissen,
                                Welchem Zufall ausgesetzt
                                Ich nun scheiden, ich nun wandern,
                                Wie die Witwe, trauervoll,
                                Statt dem einen, mit dem andern
                                Fort und fort mich wenden soll!

                                Bleibe nicht am Boden heften,
                                Frisch gewagt und frisch hinaus!
                                Kopf und Arm mit heitern Kräften,
                                Überall sind sie zu Haus;
                                Wo wir uns der Sonne freuen,
                                Sind wir jede Sorge los;
                                Daß wir uns in ihr zerstreuen,
                                Darum ist die Welt so groß.

                                Doch was heißt in solchen Stunden,
                                Sich im Fernen umzuschaun?
                                Wer ein heimlich Glück gefunden,
                                Warum sucht er's dort im Blaun?
                                Glücklich, wer bei uns  geblieben,
                                In der Treue sich gefällt!
                                Wo wir trinken, wo wir lieben,
                                Da ist reiche, freie Welt.
                                                               
                                                              (Entstehung vor Mai 1821)

                                                                 

                                              Juli

                                     

                                                                                 
Andrew Marvell(1621 –1678)


                                                                                       
Strophe Nr.
VI von ...

                                                  The Garden                                            Der Garten

                                        Meanwhile the mind, from pleasure less,       Währenddessen der Geist, von geringeren Freuden
                                        Withdraws into its happiness:                        Zieht er sich in seine Glückseligkeit zurück:
                                        The mind, that ocean, where each kind         Der Geist, jener Ozean, wo jede Spezies
                                        Does straight its own resemblance find;         Geradewegs ihre eigene Entsprechung findet;
                                        Yet it creates, transcending these,                 Doch er schöpft, diese übertreffend,
                                        Far other worlds and other seas,                  Noch ganz andere Welten und andere Meere,
                                        Annihilating all that's made                            Auslöschend alles, was geschaffen,
                                        To a green thougth in a green shade.
             Zu einem grünen Gedanken im grünen Schatten.

                                                                                                           (Übersetzung vom Herausgeber dieser Internetseite) 

                                                
                                                                            Siehe das ganze Gedicht unten am Ende der Seite




                                              Ferdinand Freiligrath
                            (* Detmold 1810 -  + 1876 Cannstadt)

                                           In Graubünden   (Juli 1872)

                                       Ich sitz im rasselnden Zuge:
                                       Vorbei! Die Funken sprühn!
                                       Seid mir gegrüßt im Fluge,
                                       Ihr Weiler still und grün!

                                       Mit Schlössern und mit Hütten,
                                       Mit Busch und Baum und Bronn,
                                       Wie liegt ihr traut inmitten
                                       Der Flur am Rhätikon!

                                       Schneehäupter leuchten und brennen
                                       Hoch über euch landein;
                                       An euch vorüberrennen
                                       Seht ihr den jungen Rhein.

                                       Das Leben seht ihr schäumen
                                       Den Strom hinauf, hinab,  -
                                       Seht unter Blumen und Bäumen
                                       Am Strom auch manches Grab.

                                       "Das Grab ist tief und stille,"  -
                                       Hier auf der sonnigen Flur,
                                       In des Lebens Drang und Fülle,
                                       Wie kommt das Lied mir nur?

                                       Ich hör es in den Gründen,
                                       Ich hör es in der Luft;
                                       Ein Sänger sang es aus Bünden,
                                       Und dort ist seine Gruft!

                                       Dort unter "des Kirchhofs Flieder"
                                       Legt' er sich hin zu ruhn;
                                       Weich waren seine Lieder,
                                       Doch tapfer war sein Tun.

                                       Station Malans! Kein Halten!
                                       Vorbei! Ich hebe den Hut;
                                       Ich neige mein Haupt dem Alten,
                                       Dem Sänger lieb und gut. *

                                       Den Lebenden froh geboten
                                       Allzeit die rechte Hand!
                                       Doch auch den braven Toten
                                       Reicht sie "ins stille Land"!     

                                                                            * Freiligrath meint den helvetischen General und
                                                                               Dichter
Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis
                                                                               (1762-1834) in Malans, Graubünden.                           

           


    Ferdinand Freiligrath

Die Auswanderer   (1832)

Ich kann den Blick nicht von euch wenden
Ich muß euch anschaun immerdar:
Wie reicht ihr mit geschäft'gen Händen
Dem Schiffer eure Habe dar!

Ihr Männer, die ihr von dem Nachen
Die Körbe langt, mit Brot beschwert,
Das ihr aus deutschem Korn gebacken,
Geröstet habt auf deutschem Herd;

Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe,
Ihr Schwarzwaldmädchen, braun und schlank,
Wie sorgsam stellt ihr Krüg und Töpfe
Auf der Schaluppe grüne Bank!

Das sind dieselben Töpf und Krüge,
Oft an der Heimath Born gefüllt!
Wenn am Missouri Alles schwiege,
Sie malten euch der Heimath Bild;

Des Dorfes steingefaßte Quelle,
Zu der ihr schöpfend euch gebückt,
Des Herdes traute Feuerstelle,
Das Wandgesims, das sie geschmückt.

Bald zieren sie im fernen Westen
Des leichten Bretterhauses Wand;
Bald reicht sie müden, braunen Gästen,
Voll frischen Trunkes, eure Hand.

Es trinkt daraus der Tscherokese,
Ermattet, von der Jagd bestaubt;
Nicht mehr von deutscher Rebenlese
Tragt ihr sie heim, mit Grün belaubt.

O sprecht! Warum zogt ihr von dannen!
Das Neckarthal hat Wein und Korn;
Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen,
Im Spessart klingt des Älplers Horn.

Wie wird es in den fremden Wäldern
Euch nach der Heimathberge Grün,
Nach Deutschlands gelben Weizenfeldern,
Nach seinen Rebenhügeln ziehn!

Wie wird das Bild der alten Tage
Durch eure Träume glänzend wehn!
Gleich einer stillen, frommen Sage
Wird es euch vor der Seele stehn.

Der Bootsmann winkt! – Zieht hin in Frieden:
Gott schütz euch, Mann und Weib und Greis!
Sei Freude eurer Brust beschieden,
Und euren Feldern Reis und Mais!

                         



                                            Bertold Brecht

                   Rudern, Gespräche

Es ist Abend. Vorbei gleiten
Zwei Faltboote, darinnen
Zwei nackte junge Männer:

Nebeneinander rudernd
Sprechen sie. Sprechend
Rudern sie neben einander.



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                                                                   Joos de Momper: Sommer





                                                 Eduard Mörike

                                     Gesang Weylas

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampft dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

                                            


     

                                                         Pieter Bruegel der Ältere: Die Ernte (1565)

               

                             August     

                          Bertold Brecht

   Vom Schwimmen in Flüssen und Seen

Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben
                      Nur in dem Laub der großen Bäume sausen,
                      Muß man in Flüssen liegen oder Teichen
                      Wie die Gewächse, worin Hechte hausen.

Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm  
                      Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt,
                      Wiegt ihn der kleine Wind vergessen,
                      Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält.

Der Himmel bietet mittags große Stille.
                      Man macht die Augen zu, wenn Schwalben kommen.
                      Der Schlamm ist warm. Wenn kühle Blasen quellen,
                      Weiß man: Ein Fisch ist jetzt durch uns geschwommen.

Mein Leib, die Schenkel und der stille Arm
                      Wir liegen still im Wasser, ganz geeint.
                      Nur wenn die kühlen Fische durch uns schwimmen,
                      Fühl ich, daß Sonne überm Tümpel scheint.

Wenn man am Abend von dem langen Liegen
                       Sehr faul wird, so daß alle Glieder beißen,
                       Muß man das alles, ohne Rücksicht, klatschend
                       In blaue Flüsse schmeißen, die sehr reißen.

Am besten ist’s, man hält’s bis Abend aus.
                      Weil dann der bleiche Haifischhimmel kommt
                      Bös und gefräßig über Fluß und Sträuchern.
                      Und alle Dinge sind, wie’s ihnen frommt.

Natürlich muß man auf dem Rücken liegen
                       So wie gewöhnlich. Und sich treiben lassen.
                       Man muß nicht schwimmen, nein, nur so tun, als
                       Gehöre man einfach zu Schottermassen.

Man soll den Himmel anschaun und so tun,
                      Als ob einen ein Weib trägt, und es stimmt.
                      Ganz ohne großen Umtrieb, wie der liebe Gott tut,
                      Wenn er am Abend noch in seinen Flüssen schwimmt.





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                 Jacob van Ruisdael:  Die Mühle bei Wijk-bij-Duurstede (1670)




                         September

                                                              Pablo Neruda
 

        Vinieron unos Argentinos...                                      Es kamen ein paar Argentinier...

 

                Vinieron unos argentinos,                                              Es kamen ein paar Argentinier,
                eran de Jujuy y Mendoza,                                             waren aus Jujuy und Mendoza,
                un  ingeniero, un médico,                                               ein Ingenieur, ein Arzt,
                tres hijas como tres uvas.                                             
drei Töchter wie drei Trauben.
                Yo no tenía nada qué decir.                                           Ich hatte nichts zu sagen.
                Tampoco mis desconocidos.                                        Meine Unbekannten auch nichts.
                 Entonces no nos dijimos nada,                                     Also sagten wir uns nichts,
                sólo respiramos juntos                                                  atmeten nur zusammen
                el aire brusco del Pacífico sur,                                      die rauhe Luft des Südpazifik, 
                el aire verde                                                                 die grüne Luft
                de la pampa líquida.                                                     der wogenden Pampa.
                Tal vez se lo llevaron de vuelta a sus cuidades              Mag sein, daß sie es mit sich in ihre Städte zurücknahmen
                como quien se lleva un perro de otro país                     wie man einen Hund aus einem anderen Land mitbringt
                o unas alas extrañas,                                                    oder ein paar seltsame Flügel,
                un ave palpitante.                                                         einen flatternden Vogel.                                       


                                                 (Übersetzung vom Herausgeber dieser Internetseite)



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                 Adriaen van de Velde: Landschaft mit Paar und Kindermädchen (1667)




 

                                                               Gottfried Benn

                                                                   Astern                                                      

                                                        Astern  -  schwälende Tage,
                                                        alte Beschwörung, Bann,
                                                        die Götter halten die Waage
                                                        eine zögernde Stunde an.

                                                       Noch einmal die goldenen Herden,
                                                       der Himmel, das Licht, der Flor,
                                                       was brütet das alte Werden
                                                       unter den sterbenden Flügeln vor?

                                                       Noch einmal das Ersehnte,
                                                       den Rausch, der Rosen Du  -
                                                      
der Sommer stand und lehnte
                                                       und sah den Schwalben zu,

                                                       noch einmal ein Vermuten,
                                                       wo längst Gewißheit wacht:
                                                       Die Schwalben streifen die Fluten
                                                       Und trinken Fahrt und Nacht.




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                                                                                Rembrandt:  Die Steinbrücke  (1631)

 

                   Oktober


                      Stefan George

                            Komm in den totgesagten park und schau:

Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,

Die späten rosen welkten noch nicht ganz.
Erlese, küsse sie und flicht den kranz.
Vergiss auch diese letzten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben,
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.



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                      Willem Roelofs: Landschaft mit herannahendem Sturm  (1850)



              Rainer Maria Rilke

                                              Herbsttag         

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein,
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.                                                                                      

  




    

                                       Pieter Breugel der Ältere: Die Heimkehr der Herden (1565)





                                 November

                                 

                                               Ingeborg Bachmann

    Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
Wird sichtbar am Horizont.

Bald musst du den Schuh schnüren
Und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
Sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
Die auf Widerruf gestundete Zeit
Wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
Er steigt um ihr wehendes Haar,
Er fällt ihr ins Wort,
Er befiehlt ihr zu schweigen,
Er findet sie sterblich
Und willig dem Abschied
Nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen.
Es kommen härtere Tage.               



       
                                      Pieter Bruegel der Ältere: Der trübe Tag (1565)





                                                              Ezra Pound

         In a Station of the Metro                      In einer Metrostation

           The apparition of these faces in the crowd     Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge
       Petals on a black wet bough.                          Blütenblätter auf einem schwarzen  nassen  Ast.

(Übersetzung dieses modernen Haiku durch den Herausgeber dieser Internetseite)



              Gottfried Benn

                                      Einst

Einst, wenn der Winter begann,
du hieltest von seinen Schleiern,
den Dämmerdörfern, den Weihern
die Schatten an.

Oder die Städte erglommen
sphinxblau an Schnee und Meer   -
wo ist das hingekommen
und keine Wiederkehr.

Alles des Grams, der Gaben
früh her in unser Blut  -  :
wenn wir gelitten haben,
ist es dann gut?    

  



                            Anfang Dezember

                 Harzreise im Winter

                              Johann Wolfgang von Goethe


Dem Geier gleich,                                                     Ist auf deinem Psalter,
Der auf schweren Morgenwolken                             Vater der Liebe, ein Ton
Mit sanftem Fittich ruhend                                        Seinem Ohre vernehmlich,
Nach Beute schaut                                                   So erquicke sein Herz!
Schwebe mein Lied.                                                Öffne den umwölkten Blick
                                                                               Über die tausend Quellen
Denn ein Gott hat                                                    Neben dem Durstenden
Jedem seine Bahn                                                    In der Wüste.
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche                                                   Der du der Freuden viel schaffst,
Rasch zum freudigen                                                Jedem ein überfließend Maß,
Ziele rennt:                                                              Segne die Brüder der Jagd

Wem aber Unglück                                                 Auf der Fährte des Wilds
Das Herz zusammenzog,                                          Mit jugendlichem Übermut
Er sträubt vergebens                                                Fröhlicher Mordlust,
Sich gegen die Schranken                                        Späte Rächer des Unbills,
Des ehernen Fadens,                                               Dem schon Jahre vergeblich,
Den doch die bittere Schere                                    Wehrt mit Knütteln der Bauer.
Nur einmal löst.

                                                                              Aber den Einsamen hüll
In Dickichts-Schauer                                              In deine Goldwolken!
Drängt sich das rauhe Wild,                                    Umgib mit Wintergrün,
Und mit den Sperlingen                                           Bis die Rose wieder heranreift,
Haben längst die Reichen                                        Die feuchten Haare,
In ihre Sümpfe sich gesenkt.                                    O Liebe, deines Dichters!

Leicht ist’s folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,                                                  Mit der dämmernden Fackel
Wie der gemächliche Troß                                     Leuchtest du ihm
Auf gebesserten Wegen                                         Durch die Furten bei Nacht,
Hinter des Fürsten Einzug.                                     Über grundlose Wege
                                                                             Auf öden Gefilden;

Aber abseits wer ist’s?                                          Mit dem tausendfarbigem Morgen
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,                        Lachst du ins Herz ihm;
Hinter ihm schlagen                                               Mit dem beizenden Sturm
Die Sträuche zusammen,                                       Trägst du ihn hoch empor;
Das Gras steht wieder auf,                                    Winterströme stürzen vom Felsen
Die Öde verschlingt ihn.                                        In seine Psalmen,
                                                                            Und Altar des lieblichsten Danks

Ach, wer heilet die Schmerzen                              Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Des, dem Balsam zu Gift ward?                            Schneebehang’ner Scheitel,
Der sich Menschenhaß                                         Den mit Geisterreihen
Aus der Fülle der Liebe trank?                             Kränzten ahnende Völker.
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf                                            Du stehst mit unerforschtem Busen
Seinen eigenen Wert                                           Geheimnisvoll offenbar
In ung’nügender Selbstsucht.                               Über der erstaunten Welt
                                                                          Und schaust aus Wolken
                                                                          Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
                                                                          Die du aus den Adern deiner Brüder
                                                                          Neben dir wässerst. 

                                                                         ( 7. Dezember 1777)









                               
                                                        Pieter Bruegel der Ältere: Die heiligen drei Könige (1567)





                                                  Dezember


                                                François Villon

                                        (Der Anfang von „Le Lais")

L’an quatre cens cinquante six,                                  Im  Jahr  (tausend)vierhundertsechsundfünzig
Je, Françoys Villon, escollier,                                    ich, François Villon, Scholar,
Considerant, de sens rassis,                                      erwägend,  mit  klarem  Sinn,
Le frain aux dens, franc au collier,                            
den Zaum im Gebiss, Zügel los,
Qu'on doit ses aeuvres conseillier                              dass man seine Werke bedenken muß,
Comme Vegece le raconte,                                       wie Vegetius sagt,
Sage Rommain, grant conseillier                                weiser Römer, grosser Ratgeber,
Ou autrement on se mesconte…                               oder anders vertut man sich.

En ce temps que j’ay dit devant,                                Zu  dieser Zeit,  die ich zuvor erwähnt,
Sur le Noel, morte saison,                                         um  Weihnachten herum, tote Jahreszeit,
Que les loups se vivent de vent                                 wenn  die Wölfe von Wind  leben,
Et qu’on se tient en sa maison,                                   und wenn man in seinem Hause bleibt,
Pour le frimas, pres du tison,                                     wegen des Rauhfrosts, nah beim Kamin,
Me vint un vouloir de brisier                                      überkam mich ein Drang aufzubrechen 
La tres amoureuse prison                                          das starke Liebesgefängnis
Qui souloit mon cuer debrisier.
                                  das mein Herz zu zerbrechen unternahm.    


                               (Übersetzung durch den Herausgeber dieser Internetseite)



                                          
                                                                   Pieter Bruegel der Ältere: Die Heimkehr der Jäger (1565)


                                                                        

                                                                  Ende des Jahres                              

                                                               Barthold Hinrich Brockes

                                                                    (Hamburg 1680-1747)


                                                 Die Welt ist allezeit schön

                                                                       Im Frühling prangt die schöne Welt
                                                                       In einem fast smaragdnen Schein.
                                                                       Im Sommer glänzt das reife Feld
                                                                       Und scheint dem Golde gleich zu sein.

                                                                       Im Herbste sieht man als Opalen
                                                                       Der Bäume bunte Blätter strahlen.

                                                                       Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
                                                                       Und reines Silber, Flut und Land.

                                                                       Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
                                                                       Ist sie zu allen Zeiten schön.


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                                                         Jan Vermeer van Delft:  Die Malkunst        um 1665/1666
                                                            (Kunsthistorisches Museum Wien)





Ergänzung:


The Garden

by Andrew Marvell

                    I

How vainly men themselves amaze           Wie sinnlos martern sich Menschen,
To win the palm, the oak, or bays;           Die Palme, den Eichen- oder Lorbeerkranz zu gewinnen;
And their uncessant labours see               Und ihre unaufhörlichen Bemühungen
Crown’d from some single herb or tree,   Von einer einzigen Pflanze oder Baum gekrönt zu sehen,
Whose short and narrow verged shade     Deren kurzer und eng begrenzter Schatten
Does prudently their toils upbraid,            Klugerweise ihre Anstrengungen tadelt,
While all flow’rs and all trees do close      Während alle Blumen und alle Bäume sich vereinen,
To weave the garland of repose.               Die Girlande der Ruhe zu flechten.

                    II

Fair quiet, have I found thee here,             Schöne Stille, habe ich dich hier gefunden,
And innocence, thy sister dear!                 Und Unschuld, deine teuere Schwester!
Mistaken long, I sought you then               Lange irregeleitet, suchte ich dich damals
In busy company of men.                          In geschäftiger Gesellschaft von Menschen.
Your sacred plants, if here below,             Deine heiligen Gewächse, wenn überhaupt,
Only among the plants will grow.              Werden nur hier unten inmitten der Pflanzen wachsen.
Society is all but rude                               Gesellschaft ist ziemlich roh
To this delicious solitude.                          Im Vergleich mit dieser köstlichen Einsamkeit.

                  III

No white nor red was ever seen                Kein Weiß noch Rot wurde je gesehen
So am’rous as this lovely green.               
So liebreizend wie dies hübsche Grün.
Fond lovers, cruel as their flame,               Törichte Liebhaber, grausam wie ihre Leidenschaft,
Cut in these trees their mistress’ name.       Ritzen in diese Bäume die Namen ihrer Geliebten ein.
Little, alas, they know, or heed                  Wenig, ach, wissen oder beachten sie
How far these beauties hers exceed.          Wie sehr diese Schönheiten die ihrige übertreffen.
Fair trees! wheres’e’er your bark I wound, Schöne Bäume! Wo immer ich euere Rinde verwunde,
No name shall but your own be found.        Soll keiner als euer eigener Name gefunden werden.

                  IV

When we have run our passion’s heat,       Wenn wir die Glut unserer Leidenschaft erschöpft haben,
Love hither makes his best retreat.              Findet die Liebe hier ihre beste Zuflucht.
The Gods, that mortal beauty chase,           Die Götter, jene Jagd nach menschlicher Schönheit,
Still in a tree did end their race:                    Immer in einem Baum beendeten sie ihr Rennen:
Apollo hunted Daphne so,                          Apollo verfolgte Daphne so,
Only that she might laurel grow;                  Nur damit sie als Lorbeerbaum wuchs;
And Pan did after Syrinx speed                   Und Pan rannte hinter Syrinx her,
Not as a nymph, but for a reed.                  
Nicht für eine Nymphe sondern für ein Schilfrohr.

                      V

What wond’rous life in this I lead!                Welch wundersames Leben führe ich hier!
Ripe apples drop about my head;                 Reife Äpfel hängen um meinen Kopf;
The luscious clusters of the vine                    Die köstlichen Weintrauben
Upon my mouth do crush their wine;             Quetschen an meinem Mund ihren Saft aus;

The nectarine, and curious peach                   Die Nektarine und der neugierige Pfirsich
Into my hands themselves do reach;               Reichen sich mir in meine Hände;
Stumbling on melons, as I pass,                      Indem ich im Gehen über Melonen stolpere,
Insnar’d with flowers, I fall on grass.             
Falle ich umgarnt von Blumen aufs Grass.

                       VI

Meanwhile the mind, from pleasures less,       Währendessen der Geist, von geringeren Freuden
Withdraws into ist happiness:                         Zieht er sich in seine Glückseligkeit zurück:
The mind, that ocean, where each kind           Der Geist, jener Ozean, wo jede Spezies
Does straight ist own resemblance find;          Geradewegs ihre eigene Entsprechung findet;  (1)
Yet it creates, transcending these,                   Doch er schöpft, diese übertreffend,
Far other worlds and other seas                     Noch ganz andere Welten und andere Meere,
Annihilating all that’s made                             Auslöschend alles, was geschaffen,  

To a green thought in a green shade.              Zu einem grünen Gedanken im grünen Schatten.

            
                   VII

   Here at the fountain’s sliding foot,                Hier an des Springbrunnens rutschigem Fuß
Or at some fruit-tree’s mossy root,              Oder an eines Obstbaums moosiger Wurzel

Casting the body’s vest away,                      Indem sie das körperliche Gewand ablegt
My soul into the boughs does glide:              Gleitet meine Seele in die Zweige:
There like a bird it sits, and sings,                 Dort sitzt sie wie ein Vogel und singt,
Then whets, and combs its silver wings;        Dann wetzt sie(ihren Schnabel)und putzt ihreSilberschwingen
And, till prepar’d for longer flight                  Und läßt, bis bereit für einen längeren Flug,
Waves in its plumes the various light.             In ihrem Gefieder das wechselnde Licht spielen.

                VIII

   Such was the happy garden-state,                  So war der glückliche Gartenzustand
While man there walked without a mate:        Während der Mensch dort ohne eine Gefährtin wandelte:
After a place so pure, and sweet,                   Nach so einem reinen und süßen Aufenthaltsort
What other help could yet be meet!               Welche weitere Wohltat konnte man noch erwarten!
But `twas beyond a mortal’s share                 Aber es war über eines Sterblichen Anteil hinaus
To wander solitary there:                               Dort einsam wandern zu dürfen:
Two paradises `twere in one                          Zwei Paradiese wären es in einem,
To live in Paradise alone.                                Im Paradies allein zu leben.

                 IX

   How well the skilful gardner grew                  Wie gut zog der geschickte Gärtner
Of flow’rs and herbs this dial new                   Aus Blumen und Pflanzen diese Sonnenuhr neu heran,
Where from above the milder sun                   Wo von oben die mildere Sonne
Does through a fragant zodiac run;                  Durch einen duftenden Tierkreis sich bewegt
And, as it works, th’industrious bee                Und während sie arbeitet, die fleißige Biene
Computes its time as well as we.                    Mit ihrer Zeit rechnet so gut wie wir.
How could such sweet and wholesome hours Wie könnte man auch solche süßen und erholsamen
Be reckon’d but with herbs and flow’rs!        
Stunden anders als nach Pflanzen und Blumen zählen!

                                       (Übersetzung durch den Herausgeber dieser Internetseite)

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(1) Man nahm irrigerweise im 17. Jhd. noch an, daß im Meer
   artmäßige Entsprechungen zu den Landtieren lebten.

Exkurs:  Andrew Marvell: Lebenslauf und weitere Gedichte  bitte klicken.


                                                                                      -  ergänzt: 19.11.2007
                                                                                       6.10.2009/15.3.2010
                                                                                       21./22.2.2012  -
                                                                                   -  geändert: 18.1.13, 22.4.2014

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